[Kulturtransport] Kritiken: A. Bongers 'Prinzessin von Barmbek'

 

5. April 2002:
Andrea Bongers »Die Prinzessin von Barmbek«

'NORDSEE-ZEITUNG' vom 9. April 2002
Wenn der Prinz nur ein Klempner ist
Andrea Bongers begeistert in Frelsdorf

Frelsdorf (Samtgemeinde Beverstedt). Mit Prinzessinnen ist immer und überall zu rechnen – in Barmbek, im Pullover für 29,90 und eben auch in Frelsdorf. Das war die Botschaft, die Andrea Bongers in Bostelmanns Saal bereit hielt.

   Bostelmann strahlte. Sein Saal war proppevoll. Die Bongers leistete Aufklärungsarbeit über das machthungrige Wesen, erzählte, wie zuvorkommend es erzogen werden sollte, dass das auch in einer Zweieinhalb-Zimmer-Sozialwohnung in Barmbek möglich sei.
   Sie machte den Leuten klar, was passiert, wenn der Prinz doch nur ein Klempner ist und nach einigen Jahren Ehe einfach vergisst, sie mit der gebotenen Ehrerbietung zu behandeln. »Ja, dann ist man am Ende doch völlig verklempnert«, sagte die Bongers, und in der Rolle der verzweifelten Prinzessin klang ihr Ton so schnoddrig, dass jeder Prinz an ihr vorbeigelaufen wäre, ohne sie überhaupt zu erkennen.
   Die Damen in der ersten Reihe bogen sich vor Lachen. Die Herren vom Verein »KulturTransport«, die für das Programm verantwortlich und die Versorgung des Publikums in den Pausen zuständig waren, standen hinter der Theke und lächelten genüsslich.
   Da erhob sich hinten im Saal dieses imaginäre, langbeinige Wesen einfach von seinem Platz und ging. Das lag nicht an der Bongers, die hervorragend singen und fantastisch auf dem Barhocker trommeln kann. Auch ihr Klavierspieler Ralf Schwarz war nicht Schuld, der ein prima Begleiter ist und auch mal so richtig aus sich herauskam, als »Durchlaucht« ihren Hänger hatte.

Mit fleischigen Lippen

   Heinz war schuld. Aber das konnte er wegen seines unerschütterlichen Selbstbewusstseins nur schwer erkennen. Der Puppenmann mit den fleischigen Lippen, Pausbacken und karierten Hosen lag die meiste Zeit in der Requisitentasche. Er erwachte nur, wenn die Bongers ihn stützte, seinen Arm hielt und ihm eine tiefe Stimme lieh. Dann machte sich Heinz mit seinen gönnerhaften Sprüchen dermaßen breit auf der Bühne, dass die beiden anderen in den Hintergrund treten mussten. Dass aber ausgerechnet die Frau im Publikum, auf die er es abgesehen hatte, bei seiner Version vom Heideröslein einfach aufstand und ging, machte ihn sprachlos.
   Das Geschehen auf der Bühne hielt die Zuschauer dermaßen gefangen, dass niemand den Frelsdorfer Trecker sah. Dessen Lichter schimmerten für einen Moment durch die heruntergelassenen Jalousien in den Saal, als wollte er nach dem Rechten sehen. Doch ein Trecker passt nicht so ganz ins Prinzessinnenprogramm. Besser kam der silbergraue Porsche, den der angehende Liebhaber noch vor der Nacht der Nächte klauen muss, um ihn wie ein Opfer in der Elbe zu versenken.

Nebenrolle für den Hausherrn

   Ähnlich wie Hitchcock in seinen Filmen, spielte Hausherr Bostelmann eine Nebenrolle – als Beleuchter. Er musste das grelle Bühnenlicht dämpfen, damit Durchlaucht Sexappeal entfalten konnte. Dafür gab es einen anerkennenden Applaus. Eine Zugabe musste er freilich nicht geben. Aber die Bongers und ihr Klavierspieler mussten zweimal zurück auf die Bühne und verabschiedeten sich mit einem hinreißenden Potpourri über Barmbek.

bsk

Prinzessin und Trommlerin: Andrea Bongers in Rosa. - Foto: Nordsee-Zeitung
 
 
'Bremervörder Anzeiger am Sonntag' vom 14. April 2002
»Denken ist schädlich – höchstens dreimal täglich«
Andrea Bongers – »Prinzessin von Barmbek« und der raue Alltag

Von unserer Redakteurin Sabine Husung
 
Frelsdorf. Eine Prinzessin mit kleinem Hofstaat beehrte kürzlich Bostelmanns Saal in Frelsdorf. Andrea Bongers, auch die »Prinzessin von Barmbek« genannt, sorgte am vergangenen Samstag gemeinsam mit dem Musiker Ralf Schwarz für Stimmung. Unter Regie von Gerburg Jahnke (»Missfits«) gab es Satire und Musik aller Genres pur.

Heinz weiß, was Frauen wünschen! - Foto: Anzeiger am Sonntag/sahEs ist heute nicht mehr so einfach, etwas Besonderes zu sein. Die Welt hat einfach schon alles erlebt. So bleiben nur noch Träume und die Märchenwelt, um dem rauen und tristen Alltag in einer Barmbeker Zweieinhalb-Zimmerwohnung zu entfliehen. Denn im Märchen gibt es noch echte Prinzessinnen. Heutzutage ist es »echt trendy, eine Prinzessin zu sein«, verrät Andrea Bongers. Eltern sollten jedoch früh genug mit der richtigen Erziehung anfangen. Punkt eins: Goldlöckchen hat immer Recht, und Denken ist schädlich, höchstens dreimal täglich! Punkt zwei: Der heißgeliebte Papi muss stinkreich, leicht um den Finger zu wickeln und selten zu Hause sein. Kommt das kleine Prinzesschen in die Pubertät, ist selbstverständlich eine Schönheitskorrektur, wie beispielsweise Brustvergrößerung, unabdingbar. »Fertig ist das kleine Monster – das Grauen mit Titten.«
Andrea Bongers alias »Prinzessin von Barmbek« kennt sich richtig aus. Satirisch bissig und höchst humorvoll nimmt sie die Auswüchse der heutigen Gesellschaft auf die Schippe. Anhand ihrer musikalischen Bandbreite weiht sie den Zuhörer in die Probleme der selbst gekrönten Häupter ein. Früher war ja alles viel einfacher. Da meldete sich der Prinz Wochen vorher an. Prinzesschen und der gesamte Hofstaat konnten sich angemessen vorbereiten. Aber heute? 24 Stunden rund um die Uhr muss Frau gestylt sein. Die Beine frisch rasiert, Haare feinstens toupiert - nur der Prinz ist nicht da. »Herr Prinz, man wartet«, verkündet sie »not amused«. Steht Prinzessin dann endlich vor dem Altar, wird sie jedoch unsicher. Zwar ist es kein Prinz, sondern nur der Klempner, aber »die kommen ja ähnlich selten«. Wie wird er in einigen Jahren aussehen, der Pseudo-Prinz? Sicher bekommt er ein Doppelkinn... »Das ist ja wie Lotto mit Geschlechtsverkehr« verzweifelt »Durchlaucht«. Ein Einblick in die verträumte Märchenwelt zeigt, dass auch hier nichts mehr in Ordnung ist. Auch eine Prinzessin hat so ihre Sorgen. Zwar kann man in Barmbek herrlich kilometerlang an roten Klinker-Häusern vorbeiflanieren. Und die Radtouren über den Ohlsdorfer Friedhof sind eine willkommene Abwechslung. Aber sonst? Liebeskummer bleibt auch Hoheit nicht erspart. Natürlich trägt sie ihn standesgemäß mit Würde, Kraft und Haltung, die allerdings mit jedem Glas immer mehr baden geht. Aber dafür macht jede Trennung Frau schöner. Denn meistens nimmt sie vor lauter Kummer ab. Eine »Trennkost« im wahrsten Sinne des Wortes. Aber auch das hilft nicht mehr, wenn Prinzessin in die Jahre kommt. Mit 40 ist auch für die Frau von Adel alles vorbei. Oder nicht? Andererseits: »Vor 1000 Jahren waren so jung alle schon tot!«, sinniert Durchlaucht.
Andrea Bongers lässt kein Alltagsthema aus, das die moderne Frau von heute beschäftigt. Sei es die frustierte verheiratete Frau, die ständig die Autoreifen platzen lässt, damit sie eine heiße Nummer mit dem Reifenmann schieben kann. Oder den von den Medien kultivierte, übersteigerte Jugendwahn, der ältere Frauensemester in straffe Chirurgenhände treibt. »Bleib straff« ist Bongers' musikalische Antwort auf diese Hysterie.
Mit frivolen bis majetätischen Varianten, in hauchzarter bis schlampig ordinärer Koloratur bringt die »Prinzessin von Barmbek« die anfangs nordisch kühle Stimmung zum brodeln. Spätestens mit dem Auftritt des Frauenschwarms »Heinz«, einer lebensgroßen Puppe, deren Stimme und Führung die Vollblut-Kabarettistin übernimmt, bleibt kein Auge trocken. Heinz weiß, was Frauen wünschen und er weiß auch wer der Boss ist: »Hinter mir die Tante singt. Los Klimperer: Hau auf die Tasten. Der Entertainer bin ich!« Kein Wunder, dass sich die Prinzessin dann doch lieber einen sprechenden Frosch auf der Hand als einen verwunschenen Prinzen im Haus wünscht.
 

 
 
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