[Kulturtransport] Kritiken: Frau Klein auf Touren

 

11. September 2004:
Frau Klein auf Touren

'NORDSEE-ZEITUNG' vom 14. September 2004
Artistischer Tanz am Stock
Die kritische Oma in Frelsdorf: Frau Klein hat Haare auf den dritten Zähnen

Von unserem Mitarbeiter Georg Ahrens
 
Frelsdorf. Nun gut, Bostelmanns Saal ist nicht gerade der Kulturtreffpunkt der Landkreisjugend, aber die gebrechliche alte Dame, die da am Stock mit ihrer roten, rollenden Einkaufstasche durch den Mittelgang gewackelt kommt, liegt doch wohl deutlich über dem Altersdurchschnitt der Zuschauer.
   Mühsam versucht sie, die drei Treppenstufen zur Bühne zu überwinden. Sie droht zu stolpern, fängt sich jedoch im letzten Moment und ein besorgter Zuschauer, der spontan zur Hilfe eilen will, wird unwirsch angefahren: »Finger weg, das ist meine Schau!«
   Sie sagt Schau. Und nun wird klar: Die Oma ist nicht an der Nachschwester vorbei aus dem Seniorenheim entlaufen, sondern da vorne steht Frau Klein. Frau Klein ist die Angelika Knauer, eine freie Schauspielerin und Komödiantin aus Hamburg, die mit ihrem Regisseur Jürgen Müller-Othzen diese Figur entwickelt hat.
   Frau Klein ist nicht die freundliche Märchenerzähloma. Nein, sie ist durchaus noch »kopffest« und kritisch, lässt sich kein X für ein U vormachen und bemängelt erst mal, dass es hier so ungemütlich ist, dass es nur 4 Scheinwerfer gibt, wo sie doch sonst 30 gewöhnt ist.

Song mit Rappermütze

   Mit stark ostpreußisch eingefärbtem Dialekt erklärt sie: »Ich bin beruflich hier. Da könnt ihr mal sehen, wie lange man sich heute für die Rente abplagen muss.« Schlagfertig kommuniziert sie mit dem Publikum, ohne den Faden zu verlieren. Einen Computer hat sie sich gekauft. Nun freut sie sich, dass dieser von einem Virus befallen ist und sie sich damit nicht angesteckt hat.
   Sie erzählt, wie sie eine »Bomberjacke« mit der Plockwurst erschlagen hat, setzt sich eine Rappermütze auf und singt den zweiten von drei vertraglichen Songs. Als sie nach zwei Stunden von der Bühne will und frenetisch nach einer Zugabe gerufen wird, kommt das Mütterlein noch mal so richtig auf Touren - »Seid ihr denn noch nicht zufrieden?« – und verabschiedet sich mit einem artistischen Stocktanz.
   Frau Klein mag 80 Lenze auf dem krummen Buckel haben. Doch Angelika Knauer? Nichts, aber auch gar nichts ließ erkennen, dass sie mal gerade halb so alt sein kann. Wo immer sich Frau Klein ankündigen sollte: Hingehen! Es lohnt sich allemal, auch als Wiederholung.

Sie weiß, wo's langgeht: Seniorin Klein beim Fahnentanz. - Foto: ens
Sie weiß, wo's langgeht: Seniorin Klein beim Fahnentanz. - Foto: ens
 
 
'Bremervörder/Südkreis Anzeiger' vom 19. September 2004
Frau Klein: das
etwas andere
Mütterlein.
(Foto: jwp)
Frau Klein: das etwas andere Mütterlein. (Foto: jwp)
 
Szenen aus einem
ungewöhnlichen
Seniorenleben
»Frau Klein« wird in Frelsdorf gefeiert

Frelsdorf (jwp). Kunstformen zu präsentieren, die in der Provinz nicht täglich zu erleben sind, das will der Verein »Kulturtransport« aus Frelsdorf. Dass ihm das bisher gut gelungen ist, bewies der Besucherandrang beim Auftritt von Frau Klein. Bis zum letzten Platz war der Saal in Bostelmanns Bahnhof gefüllt, um die Hamburger Schauspielerin Angelika Knauer in der Rolle der schrulligen Alten zu erleben.

Die kämpft und quält sich zunächst grantelnd und schimpfend mit Krückstock und rollendem Einkaufswägelchen über eine kleine Treppe auf die Bühne. Dort beginnt sie, aus ihrem bewegten und langen Leben zu erzählen. Zum Beispiel von ihren Gummistrümpfen, die sie ja leider tragen müsse. Und dem unbeschreiblichen Gefühl, das sie verspürte, als sie die Hände der attraktiven jungen Schwester beim erstmaligen Anziehen der Stümpfe auf ihren Schenkeln spürte. Oder von ihrer »original biologisch-orgiastischen« Plockwurst, mit der sie kurzerhand eine »Bomberjacke« erschlug, die ihr die Rente rauben wollte.
 

Dass die wehrhafte Rentnerin auch sonst auf der Höhe der Zeit ist, erfahren die Zuschauer in der stets kurzweiligen und vergnüglichen Vorstellung.
Neben Handy besitzt Frau Klein auch einen Computer. Die Abkürzung E-Mail hat sie rasch als »Elektro-Meile« identifiziert. Im Internet schaut sie sich Hotels an, in die sie dann nicht fährt und schließlich ist sie froh, dass sie sich bei der Virusepedemie ihres PC nicht angesteckt hat. Zwischenzeitlich stichelt sie immer mal wieder mit böser Miene Richtung Veranstalter. Überhaupt ist ihr Mienenspiel »Spitze«, sie vermag Stimmungen und Gefühle allein durch ihren Gesichtsausdruck wieder zu geben.
Doch zur absoluten Hochform läuft sie auf, wenn sie ihre vertraglich fixierten »Songs« vorträgt. Ob als Rapperin oder Schlagersängerin, Frau Klein ist einfach umwerfend. Beim abschließenden wilden Fahnentanz tobt das Publikum vor der Begeisterung. Und weil es so schön war, bekam Carsten Bostelmann zum krönenden Abschluss von der gefeierten Mimin sogar noch einen Kuss auf die Stirn gedrückt.
 

 
 
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