[Kulturtransport] Kritiken: Bernd Gieseking 'Abgeschleppt'

 

13. August 2001:
Bernd Gieseking »Abgeschleppt – ein Männerschicksal!«

'Bremervörder Anzeiger am Sonntag' vom 19. August 2001
Das »legendäre Berndseinzimmer«
Kabarett-Solo von Chatbekanntschaften und Problemzonen

Gieseking bei seinem Lieblingsthema: Mädchenbrüste! - Foto: Anzeiger am Sonntag/rosenthal

Von unserem Redaktionsmitglied Sabine Husung
 
Frelsdorf. Seine Weisheiten entnimmt er den Lehren des »Konfusius«, wohnhaft in Porta Westfalica. Bernd Gieseking nimmt in seinem Kabarett-Solo »Abgeschleppt – Ein Männerschicksal« alles auf die Schippe, was der Alltag an Normalitäten und Absurditäten bietet. Im überfüllten »Bostelmanns Saal« in Frelsdorf läuft er zu Hochtouren auf.

1,70 Meter groß, mit »ausgedünntem Haar« und Kullerbauch ist er auf der ewigen Suche nach der Frau fürs Leben. So landet er im Internet. Der gebürtige Mindener hat sich nach vielen Abschlepp- und Anbagger-Versuchen auf das Chatten verlegt. Allerdings gibt es ein Problem. Im anonymen Chat stellt er sich als 1,90 Meter großen Schönling mit langen, schwarzen Haaren vor, Gewicht 75 kg. Nun wartet er auf sein Blind-Date, denn er hat sich mit »Ihr« verabredet. Eine Erklärung für sein verändertes Erscheinungsbild hat er schon parat: Stressbedingter Haarausfall und die Last der Verantwortung ließen ihn schrumpfen. Aber das Gewicht hat er gehalten – darauf legt er großen Wert.
Eine schwere Kindheit hat der kleine Bernd hinter sich. Die dominante Mutter war der einzige Mann im Haus, mit tausend Befehlen, die ihm gar nicht gefielen. Dank der aufbauenden Weisheiten besagten Lehrers Konfusius schafft er es dennoch, dem Alltag zu trotzen. Mit inhaltsschweren Lehr-Sprüchen wie: »Wer unter Wasser atmet, ertrinkt trotzdem«, oder »Fliegen sind zwar kleiner als Elche, trotzdem gibt es mehr von ihnen« überwindet er seine Minderwertigkeitskomplexe. Denn eines hat Bernd gelernt: »Wer auf trockenen Straßen geht, hat keinen Dreck an den Füßen.«
Nichts ist dem gelernten Zimmermann Gieseking heilig. Durch seinen Umzug von Minden über Kassel nach Köln erlebt er eine neue, total unbekannte Welt. Geradezu »irische Verhältnisse« stellt er in der Rhein-Metropole fest: Katholiken! Mit dieser Spezies ist der heimatverbundene Ost-Westfale nie konfrontiert worden. Sein Fazit: »Katholiken können nicht richtig deutsch und stinken«, behauptet er unter tosendem Gelächter. »Der Kölner an sich ist von November bis zur Session ständig vollbreit und trägt das ganze Jahr über eine Pappnase«, sinniert er weiter. Der 1958 geborene Bernd hat es schwer, sich in der »schönen neuen Welt.« – seine Lieblingslektüre ist »Men's Health« – zurechtzufinden. Mit dem ersten Kuss fing es schon mal an. Freiwillig hat er ihn nicht gekriegt. Es geschah beim Flaschendrehen im CVJM im zarten Alter von 15 Jahren. Später »entjungferte Heide seine Mundhöhle«. Daraus lernt er: »Frauen, die dich küssen, da kannst du auch mehr ausprobieren ...«
Aber irgendwie will das alles doch nicht so klappen. Denn wählerisch ist er natürlich auch. »... sollst mich befassen und meine Wäsche waschen, will dich beerben, drum sollst du vor mir sterben.« Tja, so eine muss man erst einmal finden. Und dann die vielen Fragezeichen ... Was hat sie für Interessen? Ist sie gar Therapeutin wie seine Ex-Frau Isabell?
Und dann ist da ja noch ein Problem: Frauen wollen ja nicht nur den Mann kennen lernen, sondern auch sein Zuhause. Und das ihm, dem chronischen Messie-Chaos hoch drei! Andererseits wäre es ja ganz schön, wenn die Richtige käme.

Denn Frauen gehören ja heutzutage nicht mehr an den Herd, sondern ans Ceranfeld ... Gibt es die eine, die das »legendäre Berndseinzimmer« kennen und lieben lernt? Sehr zuversichtlich ist er da nicht – aber er gibt nicht auf. Ganz sicher ist er sich nicht, wer öfter abgeschleppt wurde – er oder sein alter VW-Käfer? Mit Macho-Sprüchen wie: »Du bist die allerletzte Ziege, ist egal, ich nehme, was ich kriege«, wird er die Frau seines Lebens nicht gerade umgarnen.
Wehmütig erinnert er sich an seine Jugendidole Jimi Hendrix oder Janis Joplin, die in der Blüte ihres Lebens an einer Überdosis starben. So könnte es ihm auch ergehen, grübelt er. Aber wenn, dann nur an einer Überdosis Sprengel-Schokolade.
Was für eine Zeit – die 70er, schwärmt er. Von einer Fete zur anderen – tagelang wurde durchgefeiert. Übernachten war kein Problem. Es ging von einem Bett ins andere ... »Fast wie bei der FDP.« Ja, und gewählt hat er auch. Aber wen, das weiß er nicht mehr, die Wahl war schließlich geheim. Politisch war er damals sehr aktiv. Er bekam sogar einen Brief vom damaligen Bundesfinanzminister Hans Eichel. Der teilte ihm persönlich mit, dass die Steuerpauschale für Künstler gestrichen sei. Mit gutem Beispiel ginge das Bundesfinanzministerium voran: Es strich Buchstaben. So wurden auf allgemeinen Beschluss das »E«, »U« und das »Z« gestrichen vom »Bdesfinanamt«.
Sein Programm ist eine feuerwerkartige Palette von Themen, heiter verpackt in Sprüchen, Anekdoten und Gedichten, die das begeisterte Publikum von einem Gag zum nächsten jagen. Bernd Gieseking ist frech, bissig, aber nie bösartig. Er überlässt es dem Publikum, sich einfach nur zu amüsieren oder die hintergründigen Aspekte zwischen den Zeilen zu deuten, bei denen dann das Lachen im Halse stecken bleiben kann. Welch Wunder bei Vorbildern wie Dieter Hildebrandt oder Hans-Dieter Hüsch. So beantwortet Gieseking zwar nicht alle Fragen, die die Welt bewegen – aber warum das Meer blau ist, das ist doch ganz klar: Natürlich von den an den Urlaubstränden herumliegenden Aldi-Tüten. Zum Kabarett kam Bernd Gieseking durch das Ensemble »Die Mindener Stichlinge«, bei denen er von 1978 bis 1980 aktiv mitwirkte. Eigentlich wollte der Kunststudent ja Bildhauer werden, aber das Kabarett lässt ihn nicht los. Diese Form zwischen Gesellschaftskritik und Witz fasziniert ihn.
Seit 1990 reist er als Solist durch den deutschsprachigen Raum. »Nebenbei« ist er Literat und Autor. Er arbeitet für Hörfunk, Fernsehen und Theater. Sein Repertoire reicht vom Musical bis zum Kinderhörspiel. Ja und bei SPD-Kreuzfahrten ist er auch noch dabei. Da kann er mit politischen Spitzen so richtig um sich hauen. Aber Witz und Unterhaltung haben für ihn Priorität.
Wie kommt nun so ein gefragter und vielbeschäftigter Mann, der internationale Auftritte hinter sich hat, nach Frelsdorf, fragt man sich? Ganz einfach – der Auftritt ist ein Geburtstagsgeschenk an seinen Freund Norbert Otto aus Sellstedt, der vor kurzem seinen 50sten feierte. Ob ihn wohl Bernds Chat-Dialog trösten kann?
Chatter: »Hallo, bist du eine süße 14- bis 16-jährige Maus?«
Bernd: »Nein, ich bin ein 42-jähriger alter Sack.«
 

 
 
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