[Kulturtransport] Kritiken: Rosenberg Lipinsky 'Kommen u. Gehen'

 

28. September 2002:
Lutz von Rosenberg Lipinsky »Kommen & Gehen«

'NORDSEE-ZEITUNG' vom 2. Oktober 2002
Von Tarzan bis zur Theologie
Von Rosenberg Lipinsky zieht mit bitterbösem Humor alles durch den Kakao

Von unserem Mitarbeiter Georg Ahrens
 
Frelsdorf. Der Mann im rotschwarzen Outfit mit der pflegeleichten Frisur kommt sofort zur Sache. Er sei heute hier, weil man in Freisdorf froh sei, wenn überhaupt jemand vorbeikommt. »Ich habe hier noch eine gelbe Telefonzelle gesehen. Hier ist also noch nicht mal die Telekom da gewesen«, sagt er. Und überhaupt, er habe sich heute Morgen gedacht, 'die Laune ist eh versaut, dann kannst du auch nach Freisdorf fahren'. Nun steht Lutz von Rosenberg Lipinsky in Bostelmanns Saal auf der Bühne mit seinem Programm »Kommen & Gehen« und vor ihm sitzt eine »überschaubare« Gruppe.
   Nach dieser wenig schmeichelhaften Einleitung geht es munter so weiter. Mit bitterbösem Humor zieht der Mann mit dem adeligen Namen alles durch den Kakao, was ihm in den Sinn kommt. Die Lehrer seien alle in die Ferien gefahren, er brauche also auf den erhobenen Zeigefinger keine Rücksicht zu nehmen, das tue er dann auch nicht.

Tragische Veranlagung

Manchmal überspannt Lutz von Rosenberg Lipinsky den Bogen.    Zuerst sei da mal seine tragische sexuelle Veranlagung, erzählt Rosenberg Lipinsky, er sei nämlich heterosexuell. Damit könne er heute niemanden beeindrucken, habe doch der verständnisvolle Schwule bei Frauen die größten Erfolge. »Mann und Frau, das klingt wie Stan und Olli, wie Dick und Doof oder wie beides.«
   Es geht weiter mit Erkenntnissen wie: Frauen vergessen nichts und dann wunderten sie sich, dass die Männer nicht mit ihnen reden. Oder: Männer haben kein Gedachtnis. Statt der Festplatte sei da nur ein Arbeitsspeicher. Das sei auch der Grund, warum die Namen in die Eheringe graviert würden. »Liebe Frauen! Wenn ihr nicht in kurzen Sätzen mit uns reden könnt, kauft euch einen Hund zum Üben. Zum Beispiel ,Hol' Stöckchen'«. Wie recht er habe, zeige das Schild im Parkhaus »Erst Kasse, dann Auto« oder der Satz »Ich Tarzan, du Jane«.
   Und dann schickt er das Publikum mit dem Satz »damit die CDU-Mitglieder unter euch jetzt austreten können« in die Pause. Vor nichts macht der Mann, der eigentlich einmal Theologe werden wollte, Halt - nicht einmal vor der Kirche: »Je weniger man weiß, desto mehr kann man glauben. Deshalb ist die Kirche voller Kinder und alter Leute, die einen wissen noch nichts und die anderen nichts mehr.«
   Schade nur, dass er manchmal den Bogen überspannt. Dann produziert er Stammtischzoten, wobei die Feststellung, dass onanieren umweltfreundlich sei, weil man dafür keine Kondome brauche, noch zu den harmloseren Anekdoten zählt. Lutz von Rosenberg Lipinsky hat soviel Schlagfertigkeit und guten Witz, dass er auf Ausflüge in solche Niederungen verzichten könnte. Nicht aber auf Ausflüge nach Frelsdorf. »Ich hatte mich auf einen einsamen Abend in Frelsdorf eingerichtet. Aber ihr wart toll«, sagt er zum Abschluss. Das Kompliment gaben die Zuhörer mit dem Beifall zurück.
 

 
 
'Bremervörder Anzeiger am Sonntag' vom 6. Oktober 2002
»Oh Herr, nimm mir mein Wollen«
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Unterhaltung unterhalb der Gürtellinie

Frelsdorf (sah). »Kommen und Gehen«, mit diesem Programm gastierte Lutz von Rosenberg Lipinsky am letzten Wochenende in Bostelmanns Saal in Frelsdorf. Hauptthema des Abend war das immer wieder dankbare Thema: mögliche oder eher unmögliche Beziehung zwischen Mann und Frau.

Der gebürtige Gütersloher, der hauptsächlich im Ruhrpott auftritt, erheitert das Publikum mit einer Tirade von retorisch geschickten, aber meistens höchst versauten Gags. In einem Tempo, das dem Zuschauer kaum Zeit für Beifall läßt, jagt eine Zote die nächste. Harmlos beginnt Lutz von Rosenberg Lipinsky, der keinen Künstlernamen trägt, erst einmal mit der Schilderung seiner Ankunft in Frelsdorf. Amüsiert bemerkt er, dass es hier auf dem platten Lande sogar noch gelbe Telefonzellen gäbe. Für ihn der Beweis, dass nicht einmal die Telekom in diese Gegend findet.
Vorweg entschuldigt er sich schon einmal, dass es an diesem Abend um Sex gehe. Sprichts und berichtet aus seinem Erfahrungsschatz: Frauen, die einen Radiowecker besäßen, verdürben ihm jede Laune, vor allem aber jede Lust. Da könne er es sich ja gleich selber machen. Na jedenfalls, nach einem Morgen mit Radiowecker ist eh schon alles egal, so konnte er dann eben auch nach Frelsdorf kommen. Da er in Hamburg wohnt, ist der Weg nicht sehr weit.
Im halbvollen Saal müht sich der Alleinunterhalter, Stimmung in den Saal zu bringen. Er schildert die Vor- und Nachteile des Singledaseins. So stehen die »Minikonserven« im Supermarkt gleich neben dem Hundefutter. Verzweifelt zeigte er auf ein Glas »Mini-Winni-Singles«, 60 arme kleine Würstchen. »Aber die haben wenigstens noch Kontakt«, beneidet er die aus undefinierbaren Zutaten bestehenden Cocktail-Würstchen. Die Vorteile lägen sozusagen auf der Hand. Mann sei autark und Onanieren umweltfreundlich, weil Kondomsparend. Er schämt sich sichtlich zu gestehen, dass er heterosexuell sei. Das käme heute gar nicht mehr gut an. Damit löse man nur noch Betroffenheit aus, meint er. Kaum Luftholend stellt er einen erstaunlichen Vergleich in den Raum.

Ehepaare seien wie Stan und Olli – wie Dick und Doof – »entweder wirste dick oder doof.« Von der Ehe hält er also auch nichts. Überhaupt: differenziertes Denken sei nichts für den Mann. Dieses Diskutieren und Auseinandersetzen mache das Zusammensein mit den Frauen höchst schwierig. Denn Männer seien vergeßlich. Warum würden Sie »danach« sonst fragen: »Na, wie war ich?«. Im Namen der einfach strukturierten Männerwelt bittet der Entertainer um einfache und klare Sätze. Nur sie seien auch für einen Mann verständlich.
Seit 1994 tourt von Rosenberg Lipinsky mit seinen Programmen durch die Lande. Er lebt in Hamburg, hat eine Lebensgefährtin und einen Sohn. Ehemals studierte er evangelische Literatur, Deutsche Sprache und Literatur. Doch der Pfarrer- oder Lehrerberuf waren nicht seine Sache. Kurzfristig betrieb er eine eigene Bühne. Mehr Privates wollte er nicht preisgeben. Auf die Frage des ANZEIGER, was er empfinde, vor so wenig Publikum zu stehen, antwortete der 36jährige bestimmt, das Publikum hatte Anspruch darauf, dass er alles gebe, ob der Saal nun voll sei oder nicht. Schließlich hätten sie ja bezahlt.
Vor der Pause richtete er sich noch speziell an die CDU-Mitglieder, sie sollten es ihm am besten nachmachen: er trete jetzt aus. Weiter ging es mit kleinen Foppereien in Richtung des Veranstalters Carsten Bostelmann, der unter anderem einen hervorragenden Biowein ausschenkte, den von Rosenberg Lipinskys Freund aus der »Shetland-Pullover-Praktion« auch immer so gerne trinke. Den gedankenlosen Umgang mit unserer Sprache prangert er anhand politischer Äußerungen über den rollstuhlfahrenden Schäuble an: »Er solle zurücktreten.« Oder: »Es gäbe Überlegungen, ihn wieder aufzustellen...«. Auch die Kirche bekam ihr Fett weg, denn in dem Metier kennt er sich besonders gut aus. »Herr, Du hast mir das Können gegeben, nun nimm mir auch das Wollen«.
Das Können wurde ihm ohne Zweifel gegeben. Ob dieses Talent nur unter der Gürtellinie Verwendung finden sollte, darüber laßt sich sicher streiten. In Frelsdorf jedenfalls gab es begeisterten Beifall und Zugaben.
 

 
 
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