[Kulturtransport] Kritiken: Podewitz 'Greatest Witz' 2002

 

28. + 29. November 2002:
Podewitz »Greatest Witz«

'Bremervörder Anzeiger am Sonntag' vom 8. Dezember 2002
Und es gibt ihn doch, den deutschen Humor!
»Greatest Witz« – Autoritäre Publikumserziehung mit Strafgedicht von Podewitz

Von Sabine Husung
 
Frelsdorf. Ein strenges Regiment herrschte kürzlich an zwei Abenden in Bostelmanns Saal. Gleich zu Beginn zeigen die Brüder Podewitz, worum es in ihrem neuen Programm »Greatest Witz« geht. Im militärischen Outfit geben sie dem Publikum Verhaltensmaßregeln, mit dem Ziel, den »kompetenten Zuschauer« zu erziehen. Geklatscht wird auf Kommando. Bei Ungehorsam gibt es Strafgedichte und zu spät Kommen, sollten sich nur Gäste mit viel Humor und Mut zum Mitmachen leisten.
Mit diesem disziplinierenden Einstieg auf der Podewitz-Premiere, war der Bann beim üblicherweise nordisch kühlen Publikum sofort gebrochen.
Willi und Peter Podewitz (v. li. n. re.) - Foto: sahDas raffiniert und souverän mit Wortspielen jonglierende Duo Willi und Peter amüsiert mit einer Mischung aus äußerst freundlicher 'Publikumsverarschung', brillianten Ideen und pointierter Improvisationsgabe, die sie bei dem ausgelassenen Publikum oft unter Beweis stellen konnten. Vergleichbar aktive Gäste hat Veranstalter Carsten Bostelmann in seinem Saal schon lange nicht mehr erlebt – und das will etwas heißen. Übermütige Beiträge aus dem Publikum, die sicher auch einmal entgleiten könnten, werden, dank prophezeiter autoritärer Führung, gleich aufgenommen und mit dem charakteristischen (Pode)-Witz aufpoliert.
Die puristische Kulisse passt in den Kofferraum eines PKW: ein Tisch mit Decke, eine halbe Puppe, ein Bettlaken und nicht zu vergessen die »Lyra« für die »Ramsch-Reime« – das wars. So präsentieren die beiden Podewitze ihr neues Programm »Greatest Witz« mit einem Repertoire, das vom Buddhistenstrand mit lauter nackten Menschen zum sizilianischen Heilpraktiker, dem Homöo-Paten führt. Krimi-Atmosphäre entsteht mit 'Tatort'-Musik, einer halben Puppe (die Leiche), deren Beine aus dem Vorhang lugen und kaffeetrinkenden Kommissaren, Zigarette inklusive. Die folgende extrem alberne, aber nicht weniger komische, da immer mit intelligenten Wortspielereien verbundene Konversation, bringt die Zuschauer ebenso zum Toben, wie die anschließende Frage, ob es (nach zehn Minuten) schon »Fragen zum Stück« gebe. Reminiszenzen an Endlos-Diskussionen von Literatur-Quartetts oder ähnlich selbstverliebten Kritiker-Veranstaltungen, könnten erwünscht sein.
Eine ungewöhnliche, eine neue oder zumindest fast vergessene Art von Humor, lebt auf. Solange die passende 'Schublade' für die PodeWitze noch nicht gefunden ist, muss sich der Zuschauer damit begnügen, die Vielseitigkeit der Kabarettisten zu bewundern und sich an dem Einfallsreichtum vom »Frisurenmausoleum« der »Telekom-Tarantel« bis zum »Symptom der Oper« zu laben. Gelingt das nicht zur Zufriedenheit der Komiker, wird mit einem 'Straf'gedicht in Laber-Lyrik öder mit wüsten Ramsch-Reimen in Rilke-Romantik abgemahnt. Aber auch davon bekommt das Publikum nicht genug: »Woran es liegt, ich weiß es nicht, ich bin einfach nicht mehr heiß auf dich, du hast schöne Beine ..., Benutze sie!«.
Bei mangelhafter Applausleistung gibts ein Strafgedicht... - Foto: sahErpresst später der Homöo-Pate 'Don Kamille' Schutzimpfungen und fordert kleine, nicht numerierte Krankenscheine, parliert er mit der Kurpfuscherbande von Don Placebo und Charles Lattan (sprich: Scharlatan), dann verliert auch der letzte Skeptiker endgültig die Contenance.
Die fantasievolle Hinführung zur Pause, für die – mit Blick auf das Publikum – der »Designer-Pöbel« weggeräumt werden müsse, findet in Form eines Gespräches zwischen Mieter und Vermieter statt.
Der engültige Höhepunkt und Abschluss transponiert ein klassisches Beziehungskisten-Trennungsgespräch auf die im Laufe des Abends entstandenen zarten Bande zwischen Künstler und Kabarerettfans: »Wir müssen Euch etwas sagen«, drucksen betreten die Brüder herum. Nervös an der Zigarette ziehend und auf den Boden schauend, platzen die gebürtigen Bremerhavener Peter und Willy endlich mit der gnadenlosen Wahrheit heraus: »Es geht einfach nicht so weiter. Es liegt nicht an Euch ... Na ja, vielleicht ein bischen ... Zum Beispiel: Euer dauerndes Dazwischengerede, ... Und überhaupt ... Wir müssen uns trennen ... Wir haben, uns einfach nichts mehr zu sagen ... Ihr müßt das verstehen ...«.
Nach einer Überdosis an Strafgedichten verstand das unersättliche Publikum endlich und entließ die Podewitze.
Es gibt ihn also doch noch, den deutschen Humor. Und er ist glücklicherweise weit entfernt von Prollo-Gegröhle oder Dirty-Gags a la Atze Schröder & Co.
Die Frage ist nur: Wird das Duo Podewitz es schaffen den deutschen Humor mit Rilke-Romantik und Ramsch-Reimen zu retten? Wenn das Frelsdorfer Publikum entscheiden dürfte, ganz bestimmt.
Der frenetische Frelsdorfer Applaus ist auf der website: www.podewitz.com zu hören und hat beste Chancen prämiert zu werden.
 

 
 
Copyright © 2002–2017  [Kulturtransport e.V.]