[Kulturtransport] Kritiken: von Wagner 'Der Rest ist Schweigen...'

 

8. Oktober 2005:
Claus von Wagner »Der Rest ist Schweigen...«

'Bremervörder/Südkreis Anzeiger' vom 16. Oktober 2005
Der Kabarettist Claus von
Wagner als Isaak Nix beim
Frelsdorfer Kulturtransport.
(Foto: jwp)
Claus von Wagner als Isaak Nix. (Foto: jwp)
 
Einblicke in das Leben der
Generation "Sanostol"
Kabarett vom Feinsten beim Kulturtransport

Von Jürgen Peters

Frelsdorf. Der junge Mann auf der Bühne heißt Isaak Nix, lebt in einer verdreckten Wohngemeinschaft und reflektiert mitten in der Nacht über sein knapp dreißigjähriges Leben. In einem Streifzug durch Kindheit und Jugend, Schule, Zivildienst und Studium erhalten die Zuschauer ungewöhnliche Einblicke in das Leben eines Vertreters der Generation »Sanostol«.


Mit Claus von Wagner war ein junger Kabarettist nach Frelsdorf auf die Bühne von Bostelmanns Saal gekommen, der alles das hielt, was in der Ankündigung seines Auftrittes versprochen wurde. Von Wagner ist tatsächlich frisch, klug und witzig, er besitzt ganz ohne Zweifel eine hohe Sensibilität für Sprache und bietet in seinem zweistündigen Programm allerbeste Unterhaltung.
Da bekommen viele ihr Fett weg, allen voran die zukünftige Bundeskanzlerin und der jetzige Amtsinhaber, der am Wahlabend nicht 34,3 Prozent erreicht, sondern 34,3 Promille gehabt haben müsse. Natürlich George W. Bush, der ja Präsident geworden sei, obwohl er weniger Stimmen als sein Kontrahent bekommen hatte. Dies habe Gerhard Schröder sehr hellhörig werden lassen, so von Wagner.
Vor der Bundeswehr hat er keinen großen Respekt.
 

»Die besten Panzer der Bundeswehr heißen Fuchs und Wiesel. Das riecht doch schon nach Fahnenflucht!«, beschreibt er die Armee. Zudem hätten die Soldaten anders als die Amerikaner keinerlei Übung, denn »diese feige DDR hat sich ja kampflos ergeben«.
Doch er nimmt sich beileibe nicht nur die Mächtigen vor. Dumme Fragen wegen seiner stattlichen Größe von 1,96 Metern sind ihm vertraut. »Passt du noch durch die Tür?« beantwortet er mit »Nein, ich bin umgezogen, wohne jetzt im Petersdom« und auf »stößt man sich nicht dauernd den Kopf?« erwidert er: »Ja, die Menschen über 1,80 haben alle einen Dachschaden.«
Beim Ausflug in die Welt des Theaters nimmt er sich den »Kulturpöbel« vor. Klassisches Theater sei out, Hamlet, Don Carlos und Faust wolle doch keiner mehr sehen. Die Theaterfreunde vereine doch nur noch die Vorfreude auf die gemeinsame Lektüre des Sektetiketts in der Pause: »Noch nie etwas von Camus gehört, aber Freixenet saufen«, so das vernichtende Urteil.
Im Wechsel von Monologen und gespielten Szenen führt von Wagner sein Publikum durch die vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte und beweist sich dabei als ein sehr genauer Beobachter von Mitmenschen und Gesellschaft. Geistreich, frech, bissig und immer wieder komisch – Claus von Wagner bot seinen Zuschauer einen Abend mit Kabarett der Spitzenklasse.
 

 
 
'NORDSEE-ZEITUNG' vom 10. Oktober 2005
Claus von Wagner räumte die Wohnküche... - Foto: ens
Claus von Wagner räumte die Wohnküche in
Bostelmanns Hof mit viel Witz auf. - Foto: ens

Mooshammer und das
bayerische Machtvakuum
Kabarettist aus dem Süden: Claus von Wagner

Von unserem Mitarbeiter Georg Ahrens
 
Frelsdorf. Leere Flaschen auf dem Tisch, zerflederte Zeitungen auf dem Fußboden: Die kleine Bühne ins Bostelmanns Saal ist zur Küche einer Wohngemeinschaft (WG) geworden. Bewohnt wird sie derzeit von Isaak Nix, der hier versehentlich eingesperrt wurde und die Zeit nutzt, um für eine Studentenaufführung Hamlets letzte Worte »Der Rest ist Schweigen« zu proben. Zugleich zieht er aber auch eine Zwischenbilanz seines immerhin schon rund 30 Jahre währenden Lebens.
   Der 1,94 Meter große Claus von Wagner ist Isaak Nix. Er sagt, er sei ein Kriegskind, denn als er geboren wurde, befand sich Joschka Fischer im Straßenkampf und Otto Schily verteidigte, anstatt wie heute die Pressefreiheit einzuschränken, die RAF und warf mit Akten.
   »Ich lebe gerne in Bayern, aber ich lebe auch gerne in Deutschland«, bekennt er, um dann, bevor er sich auf die WG-Küchenstühle lümmelt, kurz die aktuelle politische Szene zu beleuchten. »Stoiber geht nach Berlin. Das ist besonders schlimm, denn der Abgang von Mooshammer hat in München ein Machtvakuum hinterlassen.«
   Dann plaudert er munter über seine Mitbewohner, erinnert sich an eine Kindheit, die geprägt war von Sanostol, dem unverzichtbaren Vitamintrunk für das Kind. »Damit wurden wir so abgefüllt, dass wir auf den Klassenfotos alle ein debiles Grinsen zeigen.«

Ohne billige Witzchen

   Temporeich und blitzgescheit springt der junge Mann von Thema zu Thema, kommuniziert spontan mit dem Publikum, ohne aus dem Tritt zu kommen, und schafft es tatsächlich, im Gegensatz zu vielen seiner jungen Kollegen, den Abend ohne billige Witzchen unterhalb der Gürtellinie herumzukriegen.
   Ein gelungener Auftritt in Frelsdorf, der sicher ein paar mehr Zuschauer verdient hätte. Sie hätten dann auch mitlachen können, als sich Claus von Wagner überlegte: »Darf auch ein evangelischer Christ zu einem katholischen Priester 'Vater' sagen? Sicher darf er das: Solange er nicht sein Sohn ist.«

 
 
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